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Der deutsche Energiemix braucht frischen Wind

21/01/2021

Frankfurt am Main, 21. Januar 2021

Die Schlagzeilen der Tagespresse werden weiterhin von Covid-19-Themen dominiert, während die vielleicht wichtigste Frage des 21. Jahrhunderts, wie lässt sich die Klimaerwärmung stoppen, in der Aufmerksamkeitstabelle ein wenig nach hinten rutscht.

Doch kurzfristige publizistische Resonanz und reale Bedeutung waren schon oft zwei Paar Schuhe. Zwar haben diverse Lockdowns in den vergangenen Monaten zu einem eher unfreiwilligen, aber markanten Rückgang der CO2-Emissionen geführt – laut dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) wurden in der ersten Jahreshälfte 2020 insgesamt rund 1,6 Gigatonnen (Gt) respektive 8,8% weniger CO2 in die Atmosphäre gepustet als im Vorjahr. Aber alle infrastrukturellen Maßnahmen, die den CO2-Ausstoß dauerhaft reduzieren, bleiben für die Allgemeinheit unaufschiebbar und für institutionelle Investoren von hohem Interesse.

Corona-Zeit als nächste Anschubphase für erneuerbare Energieträger?

Die eher konservativ zu verortende Internationale Energieagentur (IEA) in Paris, ein OECD-Ableger, bläst in ein ähnliches Horn. Mitte Oktober publizierte die Agentur turnusgemäß ihren Ausblick in die Zukunft von Wirtschaft und Energieversorgung, den „World Energy Outlook 2020“. Laut dieser Studie sieht die IEA die Corona-Pandemie nicht nur als temporären showstopper im Energieverbrauch, sondern auch als potenzielle Chance, um die CO2-Emissionen in den nächsten zehn Jahren deutlich zu senken. Wurden 2019 noch etwa 36 Gigatonnen Kohlendioxid (Gt CO2) emittiert, so sieht die IEA für die nächsten zehn Jahre im Rahmen von vier unterschiedlichen Szenarien eine best-case-Möglichkeit, diese Marke bis 2030 auf etwa 26 Gt CO2 zu senken. Wohlwissend, dass es NGOs, Parteien und Interessengruppen gibt, die gerne noch ehrgeiziger rangehen würden.

Voraussetzung in diesem von der IEA „Sustainable Development“ genannten Szenario ist allerdings der konsequente Einsatz erneuerbarer Energien (EE), wobei der Windkraft in der nördlichen Hemisphäre und der Solarenergie in der Äquatorregion eine Schlüsselrolle zukommt. In nicht wenigen Weltregionen ist die regenerative Stromgenerierung schon heute günstiger als die mittels fossiler Energieträger. Diese Entwicklung dürfte sich noch beschleunigen, da Kohle und Erdöl, die bei ihrer Verbrennung deutlich mehr CO2 emittieren als Erdgas, die Corona-bedingte Nachfragedelle wohl nur schwer verkraften werden. So wartet Öl aktuell zwar mit einem sehr niedrigen Preisniveau auf, meist angesiedelt zwischen 39 und 45 US-Dollar pro Barrel (159-Liter-Fass) Brent. Doch dieses Preisniveau ist gleichzeitig ein Bumerang, da es die Finanzierung zur Erschließung neuer Erdölfelder erschwert.

Unterstützung für diese sich abzeichnende Wende im Energiemix sieht die IEA zum einen in den politischen Akteuren, die trotz aller Rückschläge und Zeitverluste zunehmend ökologischer denken und handeln. Zum anderen in den weiterhin niedrigen Zinssätzen, die Investitionen erleichtern. Für die nächsten fünf Jahre erwartet die IEA weltweite Zuwächse bei den Solaranlagen in Höhe von etwa 200 Gigawatt (GW) pro Jahr (bislang 100 GW). Bei den Windkraftanlagen geht man von 100 GW (statt 50 GW) pro Jahr aus. In der zweiten Hälfte der kommenden Dekade, von 2025 bis 2030, soll sich dann der Ausbau weiter beschleunigen. Die Solarenergie werde ihre Kapazitäten um etwa 275 GW und die Windenergie um etwa 140 GW pro Jahr erhöhen.

Für Europa hat der vom Windenergieverband WindEurope gerade publizierte ‚Flagship Report‘ eine jährliche Zunahme der Windenergie-Kapazitäten von mindestens 21 GW pro Jahr errechnet, um den National Energy and Climate Plans (NECPs) der EU-Mitglieder, die bis 2030 eine Gesamtkapazität von 397 GW anvisieren, zu entsprechen.

Mächtigster regenerativer Energieträger weltweit bleibt zwar die Wasserkraft, aber Solarenergie und onshore- bzw. offshore-Windenergie sind die großen Wachstumstreiber im Lager der Erneuerbaren.

Blick auf den heimischen Ökostrommarkt

Wer sich in Deutschland mit Ökostrom beschäftigt, der begibt sich schnell auf ideologisch vermintes Gelände, was einen konstruktiven Diskurs erschwert. Auf der „grünen Seite“ werden regenerative Energieträger nicht selten in einem Affektheuristik-Stil diskutiert, was auf der von viel Geld und Lobbyismus unterstützten „fossilen Gegenseite“ kaum minder emotionale Widerstände hervorruft.

Nähert man sich unvoreingenommen dem Ökostrommarkt, so stellt man schnell fest, dass das aktuelle System über einen veritablen Bremsklotz in Gestalt der gut gemeinten, aber sperrigen Herkunftsnachweise (HKNs) verfügt. Vorwürfe wie „Täuschung der Verbraucher“ und „Hindernis für die Energiewende“ machen die Runde, da die HKNs getrennt von der tatsächlichen Stromlieferung gehandelt werden können und so der Rosstäuscherei Vorschub leisten. Zumeist kommt die Formel „grauen Strom kaufen, grünen Strom ausweisen“ zur Anwendung.

Vor dem Hintergrund des Klimawandel-Countdowns mehren sich deshalb die Stimmen, die sich kurzfristig neue Marktmechanismen wünschen. Zwei zentrale Forderungen bezüglich der Ausgestaltung bilateraler, langfristiger Stromlieferverträge (Power Purchase Agreements, PPAs) zwischen Stromproduzent und -verbraucher stehen dabei im Vordergrund:
• Zum einen werden absichernde Bürgschaften für die nach Auslaufen des EEG-Förderzeitraums (2021) demnächst am Markt als PPA-Pioniere auftretenden Betreiber von EE-Altanlagen gefordert.
• Zum anderen soll auch Strom aus neu errichteten EE-Anlagen mittels PPAs direkt und unter Umgehung des EEG-Förderrahmens an große Endverbraucher verkäuflich sein – mit korrespondierenden HKNs als grünes Marketinginstrument.

EE-Experten versprechen sich von diesen Maßnahmen eine neue Marktdynamik, die sich positiv auf den Ausbau der Erneuerbaren auswirken werde. Gleichzeitig würde eine solche marktnahe Lösung die Investitionssicherheit für institutionelle Investoren erhöhen. Sebastian Thürmer, Geschäftsführer des Placement Agents artis ICM GmbH in Frankfurt am Main, spezialisiert auf nachhaltige Anlageklassen für Institutionelle, fasst ergänzend zusammen: „Entscheidend für ein Investment im EEG-Markt sind lange Vertragslaufzeiten, interessante Vergütungen, Standortdiversifikation, um Ertragsschwankungen zu reduzieren, sowie ein konservativer Leverage.“

Trotz optimierbarer Regelungen sorgt der „Grünstrom“ aus Biomasse, Wind, Sonne, Wasser schon heute an manchen Sommertagen, meist um die Mittagszeit herum, für eine 80%ige Abdeckung des deutschen Strombedarfs. Die flexibelste Ergänzung für die fehlenden Prozente sind Gaskraftwerke, während Kohle- und Atom-Kraftwerke ihrer allmählichen Abwicklung und Abschaltung entgegensehen. Für die EE-Zukunft kristallisieren sich entsprechend zwei Kernaufgaben heraus, nämlich
• die Kapazitäten der Regenerativen weiter auszubauen und gleichzeitig
• zusätzliche Speicherlösungen (Pumpspeicherwerke, antizyklisch aufzuladende Fahrzeugbatterien, Wasserstoffproduktion durch Elektrolyse (Power-to-Gas) u.a.) zu implementieren, um den Stromproduzenten auch weiterhin stabile Preise und damit die richtigen Anreize bieten zu können.

Prüfung auf Herz und Nieren

Es bleibt also unabdingbar, die EE-Kapazitäten weiter auszubauen, um sich möglichst rasch in Richtung klimaneutrale Energieversorgung weiterzubewegen. In Mittel- und Nordeuropa steht dabei die Windenergie im Mittelpunkt. Bei der Auswahl eines entsprechenden Anlageobjekts, zumeist geht es um Fonds mit Windpark-Beteiligungen, ist Sorgfalt geboten. So bieten z.B. Windparks, die bereits in Betrieb sind, eine deutlich höhere Sicherheit als Windenergieanlagen, die erst noch erschlossen und aufgebaut – vielleicht sogar noch teilgenehmigt – werden müssen. Thürmer von der artis ICM GmbH, die gerade einen EE-Fonds mit erprobten Windparks am Markt platziert: „Interessenten an Wind- oder Solarparks sollten Entwicklungsrisiken grundsätzlich kritisch betrachten. Ein ‚running system‘ ist immer der sicherere Weg.“

Im Mittelpunkt einer gründlichen Evaluation eines Windpark-Engagements durch Institutionelle stehen sicherlich die erwartbare Rendite (IRR), der Leverage-Effekt, der geplante Zeitablauf (Closing, Kapitalabruf, Ausschüttungen, Anlagehorizont) und das Risikomanagement. Hinzu kommen energiemarktspezifische Metadaten wie Strompreisentwicklung, gesetzliche Regelungen, Subventionen etc. Und natürlich die klassischen Eckdaten bezüglich Volumen, Beteiligungsart, Kapitaldienst u.ä.

Bei Windenergie-Investitionen sollten noch weitere technologie-spezifische Kriterien geprüft werden:
• Makro- und Mikro-Standort(e),
• eingesetzte(r) Anlagetyp(en),
• Zeitpunkt der Inbetriebnahme,
• nachweislich erzielbarer Jahresenergieertrag,
• technisches Monitoring der WEAs,
• Wartungs-Management.

Diese Faktoren können Risiken beherbergen, die mittels technischer Gutachten, Garantiezusagen oder Vertragsklauseln minimiert werden sollten. Thürmer unterstreicht die Bedeutung dieses Punktes: „Zuverlässige Dienstleister, Vollwartungsverträge und weitreichende Versicherungspolicen sind in diesem Kontext unverzichtbar.“

Windenergiefonds, die durch Partnerschaften in technischen Fragen gut eingebettet sind oder gar mit einer engen Verbindung zu einem renommierten WEA-Hersteller aufwarten, dürfen mit einem Bewertungsbonus rechnen.

Nachhaltigkeit als conditio sine qua non

Im Lager der institutionellen Anleger steigt die Zahl derer, die aus unterschiedlichen Motiven das Etikett „Nachhaltigkeit“ für ihre Portfolio-Beimischungen und zunehmend auch für ihre Kerninvestments wünschen. Bei EE-Fonds liefert aus Investorensicht ein Blick auf Initiatoren und Management oft wichtige Rückschlüsse:
• Wer hat den Fonds gegründet, wer verwaltet den Fonds?
• Gibt es im Management das richtige Mischungsverhältnis aus Rendite-Orientierung und ambitioniertem Nachhaltigkeitsdenken?
• Wie gut ist das Management am EEG-Markt vernetzt? Wieviel Erfahrung gibt es mit Infrastruktur- und EE-Projekten?
• Gibt es eine konsequente Nachhaltigkeits-Strategie auf Produkt- und Unternehmensebene – oder geht es nur um einen „grünen Anstrich“?
• Wie hält es das Management mit den Nachhaltigkeitszielen der UN, den Sustainable Development Goals (SDGs)?
• Welche externen Effekte, z.B. CO2-Reduktion, sind mit den Anlagezielen erreichbar?
• Gibt es mit Blick auf das nach wie vor recht hohe Regulierungsniveau an den Ökostrommärkten hinreichend juristische Expertise?
• Gibt es ein starkes technologisches Know-how – gegenwarts- und zukunftsbezogen, das auch innovative Themen wie z.B. „Green Token“, das Verwalten dezentraler EE-Anlagen mittels Blockchain bei deutlich verbesserten Wirkungsgraden, auf dem Radarschirm hat?

Windenergie zählt in einer von mehreren Umbrüchen geprägten Weltwirtschaft zu den Anlageobjekten, deren Betreiber für die nächsten Jahre mit recht seriösen Nachfrageprognosen aufwarten können. Entsprechend zuverlässig lassen sich auch Wertentwicklung und Rendite vorhersagen. Neue Technologiethemen vorzugsweise aus dem IT-Bereich wie Künstliche Intelligenz, Blockchain haben das Potenzial, zusätzliche Phantasie ins Spiel zu bringen. Eine Phantasie, die perspektivisch die Renditeziele noch weiter nach oben schieben kann.

Dem Etikett „Nachhaltigkeit“, mittlerweile inflationär verwendet, darf bei solide aufgesetzten und fokussierten EE-Fonds mit Vertrauen begegnet werden. Zwar sind Nachhaltigkeits-Definitionen mittlerweile so mannigfaltig wie die entsprechend attribuierten Anlageoptionen. Doch institutionelle Anleger, die nach Ausschluss dubioser Branchen ein best-in-class-ranking nach Finanzkennzahlen – auch das bedingt Nachhaltigkeit – vornehmen und dabei besonders auf die ökonomisch-ökologische Zukunftsträchtigkeit, z.B. Ressourcenverbrauch, Externalitäten, achten, sind sicherlich auf der richtigen Spur. EE-Fonds sollten sich nach einem solchen Procedere in der engeren Auswahl befinden.

– Bernd Engel, Freier Autor ‒

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